Am Tag danach

«Full House» in der Mehrzweckhalle Widen zur ausserordentlichen Gemeindeversammlung vom 13. Februar 2017

«Ja» aus Berikon und Rudolfstetten-Friedlisberg, «Nein» aus Widen

139 Ja, 98 Nein. 198 Ja, 53 Nein. 135 Nein, 113 Ja. So lauteten die Abstimmungsresultate der ausserordentlichen Gemeindeversammlungen, die am 13. Februar 2017 gleichzeitig in Berikon, Rudolfstetten-Friedlisberg und Widen stattfanden. Das Hauptgeschäft hatte zum Inhalt, der Ausarbeitung eines Fusionsvertrags, nicht der Fusion, der drei Gemeinden am Mutschellen zuzustimmen.

Der Wider Gemeinderat präsentierte den 258 anwesenden Stimmbürgerinnen und Stimmbürgern nochmals die Eckpunkte des Projekts «Zukunft Mutschellen». Dieses hatte in einem aufwändigen Prozess, an dem 100 freiwillig Engagierte aus Berikon, Rudolfstetten-Friedlisberg und Widen mitwirken, alle relevanten Aspekte einer partiellen Zusammenarbeit, einer Verwaltungsgemeinschaft oder einer Fusion geprüft. Der umfassende Schlussbericht wurde an der gut besuchten Informationsveranstaltung vom 8. September 2016 im Berikerhus der Bevölkerung vorgestellt.

Danach lief in allen drei Projektgemeinden die Vernehmlassung zum Schlussbericht. Insgesamt 18 Rückmeldungen trafen dazu bei den drei Gemeindekanzleien ein. Im Auftrag der Gemeinderäte von Berikon, Rudolfstetten-Friedlisberg und Widen wurden die Antworten auf die zum Teil umfangreichen Fragenkataloge von Projektbegleiter Jean-Claude Kleiner und einer Arbeitsgruppe mit Vertretern aus allen drei Projektgemeinden vorbereitet. Die definitiven Antwortschreiben verfassten die jeweiligen Gemeinderäte direkt zuhanden der Fragestellenden. Im Beitrag «Ausarbeitung eines Fusionsvertrags» auf dieser Website sind alle entsprechenden Dokumente einsehbar.

Faire Diskussion
Die Stimmberechtigten in allen drei Projektgemeinden konnten also gut informiert in die Diskussion steigen. Der Antrag lautete: «Genehmigung eines Kredits von CHF 45 000 inkl. MsSt. (Anteil pro Gemeinde je CHF 15 000 inkl. MwSt.) für die Ausarbeitung eines Fusionsvertrags für die Gemeinde Mutschellen.» Die Gemeinderäte von Berikon und Widen sprachen sich für den Antrag aus. Der Gemeinderat von Rudolfstetten-Friedlisberg zeigte sich ablehnend.

In allen drei Projektgemeinden wurden die Pro- und Kontra-Anliegen auf faire Weise vorgetragen. In Widen (wo die Schreibende wohnt und darum als Stimmberechtigte anwesend war) gab es nach jedem Votum Applaus von unterschiedlicher Lautstärke. Diese akustischen Signale wiesen auf eine spannende Schlussabstimmung hin.

Kopf, Herz und Portemonnaie
Die zustimmenden Kommentare kamen insbesondere von den Frauen, die ihre Meinung äusserten, oder den frisch zugezogenen und jüngeren Votanten. So sagte etwa Adrian Hunziker, seit 38 Jahren auf dem Mutschellen lebend, davon seit zwölf Jahren in Widen: «Drei sind stärker als einer. Denkt an die Jüngeren. Gebt der Zukunft eine Chance.» Stefan Bieri: «Ich bin seit fünf Jahren hier wohnhaft und fühle mich als Bürger vom Mutschellen. Denken Sie vorwärts, stimmen Sie zu.»

Weitere Befürworter brachten sich ein, so etwa Heribert Isler, Mitbegründer des Komitees «Pro Gemeinde Mutschellen». Er erinnerte an den Politiker, Wirtschaftsführer und Eisenbahnunternehmer Alfred Escher und wünschte sich von den Widerinnen und Wider in Bezug auf ein Zusammengehen der Gemeinden am Mutschellen dessen visionäre Haltung.

Für einen Lacher sorgte Brigitte Fischer. Sie war wie Stefan Bieri Mitwirkende in einer der acht Arbeitsgruppen der «Zukunft Mutschellen»: «Während des Projekts spürte ich einen wohltuenden Aufbruchgeist. Wir müssen nicht fusionieren, aber wir können. Mir kommt es vor wie damals, als ich und mein Mann vor der Entscheidung standen – Konkubinat oder Heirat. Finanziell gesehen hätten wir mit dem Konkubinat massiv Geld gespart. Dennoch hat sich die Heirat mehr wie gelohnt, es ist sehr gut herausgekommen.» Diese gefühlsbetonten Stimmen wurden in Widen von jenen übertönt, welche aufs Portemonnaie schauten.

So waren sich beispielsweise Hans Fischer, Heiri Römer, Walter Spörri oder Markus Unger einig: «Widen verliert überall; Widen hat gesunde Finanzen; das aufgezeigte Spar- und Synergiepotenzial ist ungläubwürdig; die mittelfristige Finanzplanung fehlt; Widen kann sämtliche anstehenden Probleme selber lösen.» Während Theodor Usteri sich dafür aussprach, als Zeichen der bisher geleisteten Arbeit der «Zukunft Mutschellen», zumindest dem Antrag zur Ausarbeitung eines Fusionsvertrags zuzustimmen, meinte Peter Wälchli: «Mit den 15 000 Franken können wir von mir aus lieber den rund 100 im Projekt Engagierten eine gute Flasche Wein als Zeichen der Wertschätzung schenken.»

Geforderte Stimmenzähler
Während in Berikon der Antrag bereits nach einer dreiviertelstündigen Versammlungsdauer mit 139 Ja gegen 98 Nein angenommen wurde, stimmten die Rudolfstetten-Friedlisberger eine halbe Stunde später mit 198 Ja zu 53 Nein dem Geschäft am deutlichsten zu. Als dritte ins Ziel kam die Gemeindeversammlung Widen. Aufgrund der jeweils erhobenen Hände war das Fazit nicht auf den ersten Blick ersichtlich. Die Stimmenzähler waren gefordert. Lieferten ihre Resultate an Gemeindeschreiber Felix Irniger, der sie zusammen mit Gemeinderat Hans Gisel prüfte. Schliesslich verkündete Gemeindeammann Peter Spring: 135 Nein- zu 113 Ja-Stimmen.

Ich bedaure
Peter Spring danach: «Ich bedaure, dass Widen als einzige der drei Gemeinden den Antrag abgelehnt hat.» Er zeigte sich gleichzeitig dankbar für das grosse Interesse an der ausserordentlichen Gemeindeversammlung und die sachliche Diskussion. Den Grund für die letztlich ablehnende Haltung ortet Peter Spring im Blick auf die Finanzen: «Dieser Entscheid war zu erwarten, denn kurzfristig profitiert Widen am wenigsten von einer allfälligen Fusion.»

Wie sein Amtskollege Stefan Bossard gegenüber dem SRF Regionaljournal Aargau-Solothurn erklärte, empfindet Peter Spring das Projekt «Zukunft Mutschellen» trotzdem als insgesamt gelungen und wertvoll. Denn es wurde wie erwähnt nicht nur die Option «Fusion», sondern auch die Aspekte «partielle Zusammenarbeit» und «Verwaltungsgemeinschaft» geprüft. Letztere wurde zwar aufgrund des Projektberichts eindeutig verworfen. Einer partiellen Zusammenarbeit steht jedoch nichts im Wege.

Referendum läuft
Alle drei Gemeindeversammlungs-Beschlüsse vom 13. Februar unterliegen dem fakultativen Referendum. Am ehesten ist in Widen zu erwarten, dass dieses ergriffen wird. Dazu müssten bis zum 20. März 2017 260 Unterschriften gesammelt werden. Kommt dieses Referendum zustande, wird über den Kreditantrag von 15 000 Franken zur Ausarbeitung eines Fusionsvertrags an der Urne abgestimmt.

Dass es soweit kommt, ist durchaus möglich. Während ein Versammlungsteilnehmer nach der «Gmeind» gut gelaunt seinen Gruppenchat «Fusion nein» auf Whatsapp durchging und sich über die Gratulationen der Mitstreiter aus Berikon und Rudolfstetten-Friedlisberg zum Wider «Nein» freute, formierten sich im Foyer Gleichgesinnte, die am liebsten gleich mit Unterschriftensammeln begonnen hätten.   Carmen Frei

Medienecho
Aargauer Zeitung_Die Steuergünstigste sagt Nein

Bremgarter Bezirksanzeiger_Entscheid breiter abstützen

 

Geschrieben am 14. Februar 2017. Eingetragen unter Allgemein.
 

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Ein Kommentar

Gemeindeammann Peter Spring verkündete an der Versammlung in Widen das aus seiner Sicht erfreuliche Resultat aus Berikon noch v o r der entsprechenden Abstimmung in Widen. Frage: war das zulässig und, wenn ja, weshalb hat man die Versammlungen in den 3 Gemeinden unbedingt zeitgleich angesetzt? Zudem: soll ein Gemeinderat bei einem derartig kontroversen Thema seine eigene Meinung dem Stimmvolk auf die erfolgte Art und Weise vermitteln? Und, als Sahnehäubchen, gleich nach Schluss der Versammlung noch auf der Bühne für alle hörbar das Erfordernis eines Referendums bejahend diskutieren?